Dann sehen wir uns...

Dann sehen wir uns bei der nächsten Schaffermahlzeit

Der bedeutende und sehr populäre Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen, der übrigens als einziger nicht im Frack zu erscheinen brauchte - er hatte es rundweg abgelehnt, was von den Vorstehern nachsichtig lächelnd hingenommen wurde, sorgte dafür, obwohl unabsichtlich, dass mit einer Tradition, wenn auch nur das eine Mal, gebrochen wurde.

Jeder, der kein Schaffer ist, darf, gleich welchen Rang er bekleidet, nur ein einziges Mal in seinem Leben an der Schaffermahlzeit teilnehmen. Das galt selbstverständlich auch für den Bundespräsidenten Theodor Heuss, der mit Wilhelm Kaisen befreundet war.

Kaisen traf Heuss in Bonn. Man schnackte miteinander, der eine bremisch, der andere schwäbisch, und ehe man auseinanderging, sagte Kaisen: "Na, wir sehn uns dann wohl bei der nächsten Schaffermahlzeit in Bremen."

Kaisen hatte das, wie es seine Art war, locker dahingesagt - nicht ahnend, dass er damit an eine der unverbrüchlichsten Traditionen des Hauses Seefahrt gerüttelt hatte; denn Theodor Heuss war schon einmal zu Gast bei der Schaffermahlzeit gewesen.

Was nun? Unmöglich konnte man Wilhelm Kaisen blossstellen und seine - man darf das wohl so sagen - Inkompetenz auf diesem Sektor an die grosse Glocke hängen. Es ging auch nicht an, den Bundespräsidenten einfach auszuladen.

Aber die verantwortlichen Herren des Hauses Seefahrt fanden eine diplomatische Lösung: Heuss war Ehrengast während seiner ersten Amtsperiode als erster Bundespräsident gewesen. So lud man denn offiziell den nächsten, den zweiten Bundespräsidenten, zur Schaffermahlzeit ein - die Tatsache als Zufall betrachtend, dass der zweite mit dem ersten Bundespräsidenten identisch war.

Nach dem Stockfisch kommt die Bremer "Nationalspeise" Braunkohl und Pinkel auf den Tisch. Dazu gibt es Rauchfleisch, Maronen und Bratkartoffeln. Bei dem Kohlessen wird es binnenländischen Mägen bereits ein bisschen mulmig zumute. Hans v. Zobeltitz seufzte in seinem Bericht für die Zeitschrift "Daheim" im Jahre 1902: "Es rückte ein besonderes Leib- und Magengericht der Bremer Herren an, das den merkwürdigen Namen führt Pinkel mit Braunkohl - ersteres eine Art Wurstgemenge aus Hafergrütze, Rindsnierenfett, gehackten Zwiebeln, Salz, Pfeffer, gestossenen Nelken und Piment; ich gestehe offen, mein Magen war für diese Labe nicht recht zugeschnitten, aber ich wusste doch, abgesehen von dem wundervoll zubereiteten Braunkohl, die historische Merkwürdigkeit richtig zu bewerten."

Nach dem Kohl gibt es - sozusagen zur Erholung - Kalbsbraten, Selleriesalat, Katharinenpflaumen und halbe gedämpfte Äpfel.

Als letzter Gang werden Rigaer Butt, das ist ein kleiner geräucherter Butt, Sardellen, Wurst, Zunge, Chester- und Rahmkäse serviert. Ein Fruchtkorb enthält Obst für Leute, die einen süssen Abschluss mögen. Ein Mocca bildet das Ende der Mahlzeit.

Zum Mocca wird aus langen holländischen Tonpfeifen geraucht, die sich erstmals um das Jahr 1670 - wenn auch zögerlich - hervorwagten und die jetzt jeder Teilnehmer - mitsamt Pfeifentabak - an seinem Platz findet. Es soll Gäste gegeben haben, die - aus Höflichkeit und weil es sich so gehört - in der Oberen Rathaushalle zum ersten Male in ihrem Leben geraucht haben.

Bei den zum Essen gereichten Schafferweinen handelte es sich stets um einen Bordeaux, und einen Mosel- oder Elsässer Wein. Es sind in Bremen traditionsreiche Weine.