Hermann Klaassen

Es war im Jahre 1932. Der junge Schiffsoffizier Hermann Klaassen hatte von dem nautischen Inspektor der Neptun-Reederei einen Aufnahmeantrag für das Haus Seefahrt in die Hand gedrückt bekommen. Klaassen:äDer lief immer mit solchen Aufnahmeanträgen herum. Und einen gab er mir." Klaassen ging damit nach Hause und fragte seine junge Frau:"Was meinst du, soll ich da Mitglied werden?"
"Wenn du es meinst", sagte seine Frau. Er meinte.
Auf der Schaffermahlzeit 1998 sass Hermann Klaassen als ältester Kapitän am Tisch. Er sass "an der Back", gleich neben dem Verwaltenden Kapitän. Hermann Klaassen wurde 1905 geboren. Sein Vater war zu der Zeit Werftkapitän bei Seebeck in Bremerhaven.

Klaassen verliess mit vierzehn Jahren die Schule und - heuerte auf einem Schlepper an. Dort lernte er die rauhe See, aber auch die rauhen Sitten der Seeleute kennen - vor allem, wenn er Küchendienst hatte. Seeleute mögen es deftig - aber es muss schmecken. Klaassen:"Auf dem Schlepper ging man nicht sehr zärtlich mit mir um!"

Auch als Matrose fuhr er zunächst auf einem Schlepper, auf der "Hoheweg" von der URAG, von der Unterweser Reederei in Bremen. Doch um im Leben weiterzukommen, musste er auf grosse Fahrt. "Ich wollte, wie mein Vater und meine beiden Onkel, Kapitän werden. Kapitän auf grosser Fahrt. Das war Ehrensache."

Klaassen heuert in Bremen auf dem Rahschoner "Regina" an. Doch mit dem kam er nur bis in die Nordsee. Die "Regina" geriet in einen Sturm. Zwei Masten brachen. Das Schiff musste zurück in den Hafen.

Klaassen meldete sich danach bei dem deutschen Kapitän des bei der AG "Weser" liegenden amerikanischen hölzernen Fünfmastrahschoners "Margarete". Der Kapitän kannte seinen Vater. Er fragte ihn:"Kannst du schweigen?" Klaassen sagte:"Wenn es sein muss, wie ein Grab!" Der Kapitän zwinkerte ihm zu:"Dann hol mir mal am Kiosk gegenüber eine Flasche Schnaps." Klaassen holte die Flasche Schnaps und - durfte an Bord bleiben.

Nachdem sich der junge Matrose auf dem Segler das nötige Rüstzeug für die Offizierslaufbahn geholt hatte, ging er zurück zur URAG und fuhr als 3. und 2. Offizier auf dem Frachter "Bockenheim", mit der er einen Schiffbruch in der Ostsee erlebte.

Klaassen besuchte Ende der zwanziger Jahre die Seefahrtsschule und machte sein Kapitänspatent. Als er sich aber bei der URAG zurückmeldete, hatte die keinen Platz. Doch der nautische Inspektor rief bei der Dampfschiffahrts-Gesellschaft "Neptun" an, und die hatte noch freie Stellen für junge Schiffsoffiziere. Klaassen wurde als 2. Offizier auf die "Helios" geschickt. Die "Helios" war etwa 4 000 BRT gross - sehr gross für die Neptun. Auf diesem Schiff lernte er einen Kapitän kennen, der war so vornehm, den nannten sie alle "Graf Spee".

Wenn Klaassen zu Hause war, führte ihn der Weg stets auch ins Haus Seefahrt. "Das befand sich bei uns nebenan." Klaassen und seine Frau wohnten in der Hansastrasse in Bremen. Da hatte er es nicht weit bis zur Lützowerstrasse, wo das Haus Seefahrt lag. Klaassen schwärmt:"Auf den Versammlungen gab es Labskaus mit allem, was dazugehört."

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg durfte sich Hermann Klaassen vier Þrmelstreifen an die Uniform nähen lassen. Er wurde Kapitän auf dem Frachter "Leda", etwa 2000 BRT gross. Die "Leda" fuhr in die Ostsee und den Rhein hinauf bis nach Köln. Dann sollte er Kapitän auf der neuen "Luna" werden. Er ging an Bord und wurde gleich wieder heruntergeholt - von der Kriegsmarine.

Klaassen wurde Sonderführer, kam zunächst auf das Schlachtschiff "Schamhorst", danach wurde er nach Norwegen abkommandiert. Er erhielt ein Kommando auf dem neuen Schlachtschiff "Bismarck", das zum Handelskrieg in den Atlantik auslaufen sollte. Ein Schlepper holte ihn zurück - er wurde als Lotse dringend benötigt. Die "Bismarck" kam nicht wieder. Gegen Ende des Krieges war Klaassen Kapitänleutnant und Hafenkapitän in einem finnischen Hafen.

Nach dem Krieg war an Seefahrt nicht mehr zu denken. Auch Klaassen musste sich umorientieren. Er arbeitete im Strassenbau. Doch eines Tages meldete sich seine alte Reederei, die URAG. Klaassen heuerte auf dem alten Marineschlepper "Geier" an. Das war aber nur eine Zwischenstation. Wenig später wurde ihm der Schlepper "Ochtum" anvertraut.
Die "Ochtum" war in Brake stationiert. Und weil die Klaassens in Bremen ohnehin ausgebombt waren, zogen sie kurzentschlossen nach Brake. Und da blieben sie.

Klaassen und sein Schlepper "Ochtum" - die beiden gehörten zusammen. Sie waren beim Bau des Leuchtturms "Alte Weser" mit dabei. Sie zeigten Flagge auf allen deutschen Nordseeinseln, kannten alle Gewässer darumherum - mit Tiefen und Untiefen. Und nur einmal musste Klaassen auf den Schlepper "Berne" umsteigen - die "Berne" sollte im Jahr 1970 Teile einer Bohrinsel von Emden nach Edinburgh schleppen, und dazu brauchte man Klaassen.
Im Jahre 1970 nahm Hermann Klaassen Abschied von der Seefahrt. Danach hat er noch 21 Jahre gemeinsam mit seiner Frau das Leben genossen.

Seit Anfang der neunziger Jahre lebt er allein - betreut von seinen in der Nähe lebenden Kindern. Er wohnt unmittelbar am Deich, am südlichen Ende von Brake, in Kirchhammelwarden, wo sich auf dem Friedhof die Grabstätte des Admirals Brommy befindet, der sich übrigens dem Haus Seefahrt sehr verbunden fühlte. An der Innenseite des Deiches steht eine Bank mit Blick auf die Kirche von Kirchhammelwarden. Klaassen:"Es ist meine Bank!" Nur ein paar Schritte sind es - und er sieht die Weser, die er wie kaum ein anderer kennt.