Lebhaftes Bravo

Einer der populärsten und namhaftesten Gäste, die an einer Schaffermahlzeit vor dem Ersten Weltkrieg teilnahmen, war der Graf Ferdinand von Zeppelin, den die Schaffer für das Jahr 1912 eingeladen hatten. Das offizielle Organ des Norddeutschen Lloyd, die Lloyd-Nachrichten, Literarischer Teil, berichteten über dieses Ereignis in ihrem Februar-Heft wie folgt:

Aus Anlaß der diesjährigen Schaffermahlzeit beehrte Se. Exzellenz Graf Ferdinand von Zeppelin am 8., 9. und 10. Februar die Stadt Bremen mit seinem Besuche. Bei der ungewöhnlichen Popularität, deren sich der greise, aber dennoch jugendlichfrische Eroberer der Luft, wie überall, so auch in Bremen erfreute, ist es nur natürlich, daß sein Erscheinen in der alten Hansestadt an der Weser mit lebhafter Freude begrüßt wurde und dem Grafen überall dort, wo er sich zeigte und er erkannt wurde, vom Publikum lebhafte Ovationen bereitet wurden. Zu seinem Empfange waren auf dem Bahnhofe die Herren Senator Biermann, Regierungsrat a. D. Petzet und Direktor Föhr anwesend. Vor dem Bahnhofsgebäude harrte seiner eine große Menschenmenge und begrüßte ihn mit brausenden Hurras. Am 8. Februar abends gab der Senat zu Ehren des Grafen Zeppelin ein Diner im Senatshause. Am folgenden Morgen stattete der Graf in Begleitung des Herrn Kapitän Gluud, der bekanntlich vom Norddeutschen Lloyd auf längere Zeit nach Friedrichshafen zum Zeppelin-Luftschiffbau beurlaubt ist, dem Norddeutschen Lloyd einen längeren Besuch ab und besichtigte unter Führung der Herren Direktoren Leist, Dr. Greve und Föhr das Verwaltungsgebäude der Gesellschaft, dessen Räume lebhaftes Interesse bei ihm erweckten. Nach der Besichtigung der Zimmer des Aufsichtsrats und des Vorstandes, der Räume der Abteilung Passage und der Frachtabteilungen besuchte Excellenz Zeppelin, dessen Erscheinen in den Bureaus auch von den Angestellten mit aufrichtiger Freude begrüßt wurde, Herrn Direktor Bremermann im Proviantamt.

Nachmittags erschien der Graf zur festgesetzten Stunde im Haus Seefahrt zur Schaffermahlzeit, die durch seine Anwesenheit eine ganz besondere Note erhielt insofern, als zum ersten Male bei dieser traditionellen Veranstaltung die Vertreter von Handel und Schiffahrt, des Heeres und der Flotte den „Großadmiral der Luftflotte" in ihrer Mitte sahen. Der erste und von der ganzen Welt verehrte Repräsentant einer neuen Ära, zwar in dem historischen Milieu des Hauses gewissermaßen ein junger Sprößling, aber doch ein naher Verwandter, den man mit Stolz und Freude, zeitweise auch mit Sorgen und Bangen hat „heranwachsen" sehen - so durfte der Graf sich umgeben fühlen von Liebe und Verehrung, von herzlicher Freude an seiner so frischen körperlichen und geistigen Rüstigkeit. Und daß auch er sich diesem Kreise verwandt gefühlt, beweist zu Genüge die Bereitwilligkeit des mehr als Siebzigjährigen, vom Bodensee her zur Nordsee zu eilen, um den seefahrenden Hanseaten die Bruderhand zu reichen. Wird es doch auch nicht mehr lange dauern, daß Zeppelin-Luftschiffe hinaus in die Nordsee, den Inseln zu, fliegen und mit unseren Ozeanschiffen ihren Kurs kreuzen werden.

Naturgemäß bildete Graf Zeppelin ganz den Mittelpunkt des Festes. Schon gleich am Anfang bei der üblichen Versammlung der Gäste in der „Großen Herrenstube" wurde ihm von dem gesamten bremischen Konsularkorps eine von der Umgebung sehr sympathisch vermerkte Huldigung dargebracht, indem sich die Konsuln auf Verabredung um ihn versammelten und sich ihm vorstellen ließen. Auch in den Reden der Schaffer kam die Freude über die Anwesenheit Zeppelins zum Ausdruck. Die dem Norddeutschen eigene Zurückhaltung hielt ihm gegenüber nicht lange stand und die Reserve steigerte sich zu begeisterten Ovationen, als Herr Direktor Dr. Tetens, einer der diesjährigen Schaffer, sich in seinem Toast auf die Gäste besonders an die Person des Grafen Zeppelin wandte und in ihm den kühnen schwäbischen Reiteroffizier von Niederbronn begrüßte, der in jugendlicher Frische vierzig Jahre später einen noch kühneren Ritt getan, als er dem Verkehr das Reich der Luft eroberte, an dessen Ausgestaltung er noch immer weiter unermüdlich arbeitet. „Angemeldet oder nicht angemeldet", so rief Dr. Tetens unter allseitiger Zustimmung aus, „Graf Zeppelin wird in Bremen stets offene Herzen und warme Aufnahme finden, auch wenn er aus luftiger Höhe in unsere Ebene herniedersteigt!"

Als dann Graf Zeppelin später selbst das Wort ergriff, lauschte alles in tiefer Stille seinen ruhigen, schlichten Worten, durch die eine starke Ergriffenheit hindurchschimmerte, als er von den trüben Zeiten sprach, in denen seine ganze Arbeit in Frage stand. 

Besuch des Grafen Zeppelin

Im Jahr 1912 soll zum ersten Mal anlässlich des Besuches des Grafen Zeppelin bei der Schaffermahlzeit fotografiert worden sein.