Regierungsrat Petzet

Die Schaffermahlzeit ist und bleibt ein jährlich wiederkehrendes Ereignis für Bremen, das immer wieder an den Zweck der Gründung von Haus Seefahrt erinnert:den Angehörigen der Schifferschaft in Not und Unglück Beistand zu gewähren!"
So schrieb der Chronist der Lloyd-Nachrichten und nannte die Schaffer-mahlzeit ein „Ordensfest der alten Bremer Schiffergilde und ein Brudermahl der Schiffer und Kaufleute, durch welche ihre Verbindung und ihr Stift wie ein Fuß durch einen eisernen Reifen zusammengehalten wird".

Die Schaffermahlzeit war ursprünglich nichts weiter als ein Abschiedsessen der Schiffer. In früheren Zeiten legten die Schiffe im Spätherbst im Hafen auf; denn im Winter war Schiffahrt wegen des Eisganges nicht möglich. Und ehe dann im Frühling die Fahrt wieder begann, versammelten sich Kaufleute und Kapitäne, um Rechnung abzulegen über das Vermögen ihrer Stiftung Haus Seefahrt und eine letzte Lagebesprechung zu halten, die eben mit einem Essen verbunden war.

Für die Seeleute war dieses Beisammensein zugleich die Möglichkeit, ihre persönlichen Angelegenheiten zu ordnen. Wer damals mit einem Schiff auf die Reise ging, der durfte nicht sicher sein, heil und gesund in die Heimat zurückzukehren. Es gab Jahre, in denen jeder zweite nicht nach Hause zurückkehrte. Der Abschied aber wurde erleichtert dadurch, daß der Seemann seine Frau und seine Kinder in der Obhut der Bruderschaft des Hauses Seefahrt wußte.

Erst im Laufe der Jahre und Jahrzehnte war es üblich geworden, zu dem gemeinsamen Mahl auch Fremde einzuladen, die - in Geschäften unterwegs - sich in Bremer Herbergen einquartiert hatten. So entwickelte sich die Schaffermahlzeit, zur „Schaffergasterei" von der wir zum ersten Male im 17. Jahrhundert etwas lesen. Aus der Gasterei, aus dem Schaffermahl, wurde ein Freundschaftsessen, bei dem, so sagte der Chronist aus dem Jahre 1912, dessen Namen wir nicht kennen, so manche Veränderungen vorgekommen seien. Doch, so meinte er, „im großen und ganzen umgibt nach wie vor ein eigenartiger Reiz diese alte bremische Veranstaltung".

Und wenn einer der Schaffer des Jahres 1912, Dr. Tetens, betonte, „der schönste Reiz des Schaffermahles sei der Hauch der Vergangenheit, der uns mitten in den Kämpfen und Sorgen, in der Unrast unseres Gegenwartslebens für einige Stunden mit seinem Zauber umwebt", so könnte das auch an der Schwelle des 21. Jahrhunderts gesprochen worden sein.
In seinen Ausführungen über die Schaffermahlzeit zitiert der Lloyd-Chronist auch den Regierungsrat Petzet, der ebenfalls 1912 Schaffer war und eine launige Willkommensrede gehalten hatte. Arnold Petzet (1868-1941), der aus Breslau stammte, zunächst Jurist in der Eisenbahnverwaltung war und durch den noch heute unvergessenen Generaldirektor Heinrich Wiegand in das Direktorium des Norddeutschen Lloyd berufen wurde, stand dem Hause Seefahrt besonders nahe. Personal- und Pensionsfragen der Seeleute lagen ihm am Herzen. Er war Delegationsleiter des Zentralvereins deutscher Reeder bei den Bemühungen um eine neue Seemannsordnung beim International Labour Office in Genf und war in den zwanziger Jahren Präses der Bremer Handelskammer.

Petzet bedauerte in seiner Willkommensrede, daß alte Bräuche des Hauses Seefahrt im Laufe der Zeit abgeschafft worden seien. Er meinte, daß „unsere Handelskammer es gar gern sehen möchte, wenn die appetitlichen Stockfischmädchen der alten Zeit sie heute noch, wie früher die Älterleute, mit Proben des Stockfisches und des Seefahrtsbieres bekomplimentieren würden, wir alle", so sagte Petzet, „möchten uns freuen, wenn unsere Schafferfrauen mit weißen Schürzen und Klönken sich um unser materielles Wohl heute bemühten und uns dann selbst den Kaffee kredenzten. Auch den milden Karpfen würde wohl gar mancher von uns dem ehrlichen Stockfisch vorziehen. Aber dahin ist dahin. Aufrührerischer Geist ziemt nicht den Schaffern. Selbst als die Schaffer von 1896 versuchten, den alten 1796 aufgehobenen Brauch des Karpfenessens wieder herzustellen, traf sie der Beschluß der Vorsteher, daß das zwar an sich ein löblich Tun sein, aber erst in hundert Jahren wieder vorkommen dürfe". Tatsächlich gab es im Jahre 1996 wieder ein Karpfengericht.